Warum ist der Zwiebelmarkt in den USA das einzige landwirtschaftliche Produkt, für das Terminkontrakte verboten sind? Diese einzigartige regulatorische Anomalie hat ihren Ursprung in einer der unglaublichsten Marktmanipulationen der amerikanischen Finanzgeschichte.
Hier ist die faszinierende Geschichte, die hinter diesem Verbot steckt!
1955 machte ein Zwiebelbauer aus New York ein Vermögen, indem er den gesamten US-Zwiebelmarkt an sich riss – und löste damit einen gewaltigen Börsenskandal aus.
Als er sein Manöver beendet hatte, flossen die Zwiebeln buchstäblich durch die Straßen Amerikas.
Wer ist bereit, diese unglaubliche Geschichte von Spekulation und Manipulation zu entdecken?
Vince Kosuga sah sich selbst als weit mehr als nur einen einfachen Zwiebelbauern. Er bewirtschaftete eine 5.000 Acres große Farm für den Zwiebelanbau in Pine Island im US-Bundesstaat New York. Doch es war sein Nebengeschäft – der Handel mit Terminkontrakten (Futures) –, das ihm einen ebenso zweifelhaften wie dauerhaften Ruhm einbringen sollte.
Ursprünglich boten Terminmärkte den Landwirten eine effiziente Möglichkeit zur Absicherung ihrer Risiken. Sie konnten Verträge abschließen, um ihre Ernte zu einem festen Preis zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen, und so das Risiko schwankender Preise auf den Agrarmärkten ausschalten.
Vince hingegen interessierte sich vor allem für die spekulative Nutzung von Terminkontrakten. Dieser Ansatz, weit entfernt vom klassischen Hedging, sollte sein Leben verändern.
Er wollte reich werden – und nicht bloß seine Risiken absichern!
Nach einigen erfolglosen Versuchen im Handel mit Weizen-Terminkontrakten hatte Vince Kosuga eine (scheinbar naheliegende) Erleuchtung.
Er wusste alles, was es über Zwiebeln zu wissen gab – also musste er mit Zwiebeln handeln! Er sollte das beste Zwiebelgeschäft aller Zeiten abschließen…
Die Idee war einfach. Er wollte den gesamten US-amerikanischen Zwiebelmarkt an sich reißen. Diesen Plan umzusetzen, war jedoch alles andere als einfach.
Um das zu erreichen, musste er die überwiegende Mehrheit aller im Land geernteten oder noch im Boden befindlichen Zwiebeln besitzen.
Vince stürzte sich übrigens nicht allein in dieses Abenteuer: Er tat sich mit Sam Siegel zusammen, einem erfahrenen Trader, der die Mechanismen der Terminmärkte genau kannte. Gemeinsam dachten sie groß und begannen, Zwiebeln zu kaufen – jede Menge Zwiebeln…
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Sie bauten im ganzen Land geheime Lagerhäuser, kauften und lagerten Millionen von Zwiebeln. Doch das deckte nur die bereits geernteten Zwiebeln ab, die lediglich einen Teil des Gesamtmarkts ausmachten.
Also begannen sie, massenhaft Terminkontrakte zu kaufen, und wurden so Eigentümer sämtlicher zukünftiger US-Zwiebelernten. Eine regelrechte "Corner"-Strategie, um das Angebot zu kontrollieren und den Preis zu diktieren – genau das Gegenteil der legitimen Rolle eines Market Makers.
Im Herbst 1955 hatten Kosuga und Siegel den gesamten US-Zwiebelmarkt fest im Griff — schätzungsweise 98 % der in Chicago verfügbaren Zwiebeln sollen unter ihre Kontrolle geraten sein.
Und niemand ahnte, welches Ausmaß ihre Operation angenommen hatte!
Mit einer solchen Kontrolle konnten sie den Zwiebelpreis nach Belieben schwanken lassen. Nun war es Zeit für die Phase der Bereicherung.
Vince Kosugas teuflischer Plan nimmt Fahrt auf: Manipulation und massive Leerverkäufe
Sie beriefen ein Treffen mit den großen Akteuren des Zwiebelmarkts ein, um ihnen eine brutal einfache Botschaft zu übermitteln: "Ihr gehört mir."
Sie konnten den Markt nach einer bloßen Laune steigen oder fallen lassen, während ihre Gesprächspartner – Landwirte und Händler – sich ohne Widerspruch fügen mussten.
Sie willigten daraufhin ein, 9 Millionen Pfund Zwiebeln zu einem Preis zu kaufen, der Vince passte.
Doch Vince hatte noch einen weiteren Trick auf Lager, um doppelt abzukassieren!
Er begann, gegen den Zwiebelpreis zu wetten, indem er Terminkontrakte leerverkaufte (Short Selling). Im Frühjahr 1956 hatte er eine massive Short-Position gegen den Zwiebelpreis aufgebaut. Die Falle war zugeschnappt. Um diesen Mechanismus der Baisse-Spekulation besser zu verstehen, schau dir unseren Leitfaden zu Terminkontrakten an.
Anschließend leerte er die Zwiebellager, belud die Lastwagen und überschwemmte den gesamten Markt innerhalb weniger Tage mit Zwiebeln.
Als gleichzeitig riesige Zwiebelladungen an der Terminbörse eintrafen — der Chicago Mercantile Exchange (CME), an der diese Futures gehandelt wurden — begann der Zwiebelpreis brutal einzubrechen. Niemand wollte auf diesen unverkäuflichen Beständen sitzen bleiben.
Also kippten manche Lastwagen ihre Ladung einfach auf die Straße. Die Straßen waren buchstäblich mit Vince Kosugas Zwiebeln überflutet.
Der Zwiebelpreis brach ein und fiel auf 10 Cent pro 50-Pfund-Sack — billiger als der leere Sack, in dem sie steckten!
Vince Kosuga machte reinen Tisch und steckte ein Vermögen ein.
Die Folgen: der Onion Futures Act von 1958 und sein rechtliches Erbe
Seine Short-Position auf dem Zwiebelmarkt brachte ihm damals 8,5 Millionen Dollar ein — inflationsbereinigt entspricht das heute mehreren Dutzend Millionen Dollar (in der Größenordnung von 95 bis 100 Millionen Dollar im Jahr 2026). Nicht schlecht für einen Zwiebelbauern…
Der Unmut gegen Vince war gewaltig, das kannst du dir vorstellen.
Zahlreiche Menschen waren durch seine Marktmanipulationen ruiniert worden, doch er gab nie zu, etwas Illegales getan zu haben. Und ja, im angelsächsischen Recht gilt: Solange eine Praxis nicht ausdrücklich verboten ist, bleibt sie vollkommen legal!
Seine Handelslizenz wurde für 10 Monate ausgesetzt, und er musste eine vergleichsweise geringe Geldstrafe zahlen. Sein Erbe lebt jedoch bis heute in der amerikanischen Finanzgesetzgebung fort…
1958 unterzeichnete Präsident Eisenhower den Onion Futures Act, das Gesetz über Zwiebel-Terminkontrakte, das den Handel mit Terminkontrakten auf Zwiebeln schlicht und einfach verbietet.
Bis heute sind Zwiebeln das einzige landwirtschaftliche Produkt, das in den USA einem solchen Verbot unterliegt. So lebt die Legende von Vince Kosugas Zwiebel-Coup bis heute in den Geschichtsbüchern der Finanzwelt fort!
Update 2026: Das Gesetz ist noch immer in Kraft (und wurde sogar erweitert)
Siebzig Jahre später wurde der Onion Futures Act nie aufgehoben: 2026 ist es in den USA schlicht illegal, Terminkontrakte auf Zwiebeln zu handeln. Ein köstliches Detail für Liebhaber von Marktanekdoten: Seit 2010 wurde das Gesetz erweitert, um auch Futures auf Kino-Kassenerlöse zu verbieten (nach intensivem Lobbying der Hollywood-Studios). Die Zwiebel ist damit nicht mehr wortwörtlich das einzige verbotene Produkt — bleibt aber das einzige betroffene Agrarprodukt, was diese Anomalie nach wie vor einzigartig macht.
Die Lektionen aus dieser historischen Manipulation für Trader von heute
Die Moral von der Geschicht' überlässt du am besten dir selbst…
Persönlich ziehe ich mehrere wichtige Lehren aus dieser pikanten Anekdote über Terminkontrakte:
- Derivate können hochprofitabel sein, wenn man sie klug einsetzt – vorausgesetzt, man beherrscht das Risikomanagement.
- Sei immer wachsam gegenüber Marktmanipulation, einem Phänomen, das es auch heute noch gibt. Das gesamte Angebot an sich zu reißen, um Verkäufer in die Falle zu locken, ist im Grunde nur die umgekehrte Version eines Short Squeeze: In beiden Fällen lässt ein extremes Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage die Preise explodieren (oder implodieren).
- Eine Branche in- und auswendig zu kennen, ist entscheidend, um dort erfolgreich zu investieren.


