Der ADX — Average Directional Index, sinngemäß durchschnittlicher Richtungsindex — beantwortet nur eine einzige Frage, aber es ist die wichtigste von allen: Gibt es einen Trend, der es wert ist, getradet zu werden, ja oder nein? Nicht seine Richtung, nicht sein Kursziel: seine Stärke. Linda Raschke und Larry Connors beschreiben ihn als „einen der stärksten und am meisten missverstandenen Indikatoren“ — und beide Hälften dieses Satzes stimmen.
Bei Captain Trading ist er kein Deko-Indikator: Er dient als Zusatzbestätigung in unserem Auswahlprozess und beeinflusst sogar den Abstand unserer Trailing Stops — beide Anwendungen zeigen wir dir weiter unten, mit konkreten Zahlen. Aber fangen wir von vorn an, denn die Hälfte aller Fehler mit dem ADX entsteht aus einer einzigen Verwechslung: einen Stärkemesser mit einem Kompass zu verwechseln.
Das Wichtigste in Kürze:
- Der ADX misst die Stärke des Trends, von 0 bis 100 — niemals seine Richtung. Er steigt bei einem heftigen Absturz genauso wie bei einer kräftigen Rallye.
- Er ist Teil des DMI-Systems von Welles Wilder (1978): drei Linien — +DI (Kaufdruck), −DI (Verkaufsdruck) und der ADX, der ihren Abstand zusammenfasst.
- Standardlesart: unter 20 kein Trend; 20-25 Grauzone; über 25 ein handelbarer Trend; jenseits von 40 ein starker Trend.
- Die Steigung zählt mehr als das Niveau: Ein ADX bei 28, der steigt, sagt mehr aus als ein ADX bei 35, der wieder fällt.
- Er ist ein nachlaufender Indikator (doppelt geglättet): Er bestätigt, er nimmt nichts vorweg. Bei uns entscheidet er nie allein — er bestätigt zusätzlich, in Konfluenz mit den Volumina.
Was der ADX wirklich misst — und was er nicht sagt
Der ADX wurde 1978 von J. Welles Wilder veröffentlicht, in New Concepts in Technical Trading Systems — gemessen an seinem Umfang das rentabelste Buch der Geschichte der technischen Analyse, denn es führt außerdem den RSI, den ATR und den Parabolic SAR ein. Vier Werkzeuge, fünfundvierzig Jahre später immer noch auf jedem Chart.
Sein Versprechen ist eng gefasst, und genau das macht seine Qualität aus: die Stärke der gerichteten Bewegung zu quantifizieren, unabhängig von ihrer Richtung. Ein Markt, der mit Überzeugung einbricht, hat einen hohen ADX. Ein Markt, der mit Überzeugung steigt, ebenso. Ein Markt, der zögert, der ohne Gedächtnis hin und her pendelt — da bricht der ADX ein. Das ist alles, und das ist enorm: Die meisten Strategien verlieren Geld nicht, weil ihre Signale schlecht sind, sondern weil sie eine Trendlogik auf einen Markt in der Range anwenden, oder umgekehrt. Der ADX ist das Thermometer, das dir sagt, in welchem Regime du dich gerade befindest.
Die Falle Nr. 1, in einem Bild gelöst: Der ADX steigt im Abwärtstrend genauso wie im Aufwärtstrend — er misst die Stärke, niemals die Richtung.
Sieh dir dieses Schaubild genau an, denn das ist DIE Verwechslung, die Geld kostet: Ein Anfänger sieht den ADX steigen und denkt „bullisches Signal“. Falsch. Der ADX steigt, weil sich der laufende Trend — ob steigend oder fallend — verstärkt. Für die Richtung musst du woanders hinsehen: auf den Kurs selbst, oder auf die beiden anderen Linien des Systems.
Das DMI-System: drei Linien, drei Rollen
Der ADX kommt nie allein: Auf deinem Chart heißt der Indikator meist DMI (Directional Movement Index) und zeigt drei Linien:
| Linie | Name | Was sie aussagt |
|---|---|---|
| +DI | Positive Directional Indicator | Der von den Käufern getragene Teil der Bewegung: die Hochs, die weiter steigen |
| −DI | Negative Directional Indicator | Der von den Verkäufern getragene Teil: die Tiefs, die weiter fallen |
| ADX | Average Directional Index | Die Synthese: der geglättete Abstand zwischen beiden — die Nettostärke des Trends |
Die Richtung liest man am Duell der DI-Linien ab: +DI über −DI, die Käufer dominieren; umgekehrt die Verkäufer. Und der ADX entscheidet die verbleibende Frage: Ist diese Dominanz klar (die beiden Linien laufen auseinander, der ADX steigt) oder schwach (sie verflechten sich umeinander, der ADX bricht ein)? Wenn sich +DI und −DI ständig kreuzen, wirkt jede Kreuzung wie ein Signal — und genau da rettet dich ein niedriger ADX, indem er dir sagt: Niemand dominiert, bleib draußen oder wechsle die Logik.
Die Berechnung, Schritt für Schritt — um den Verzug zu verstehen
Du wirst ihn nie von Hand berechnen müssen, aber die Mechanik zu verstehen erklärt, warum sich der ADX so verhält, wie er sich verhält — insbesondere seinen Verzug. Sechs Schritte, standardmäßig über 14 Perioden:
- Die True Range (TR). Für jede Kerze die „wahre“ Spannweite: der größte Abstand zwischen Hoch, Tief und dem vorherigen Schlusskurs. Ihr Durchschnitt ist der ATR — ja, der ATR steckt im ADX.
- Die gerichtete Bewegung (+DM / −DM). Übersteigt das heutige Hoch das gestrige, ist die Differenz +DM. Unterschreitet das heutige Tief das gestrige, ist es −DM. Kernregel: Nur der größere der beiden Werte überlebt, der andere wird auf null gesetzt — eine Kerze drängt nur in eine Richtung.
- Die Wilder-Glättung. TR, +DM und −DM werden über 14 Perioden geglättet (Wilders gleitender Durchschnitt, träger als eine klassische EMA).
- Die DI-Werte. +DI = 100 × (geglättetes +DM ÷ ATR): der durch die Volatilität normalisierte Kaufdruck. Analog für −DI. Das macht den Indikator über verschiedene Assets hinweg vergleichbar.
- Der DX. 100 × |+DI − (−DI)| ÷ (+DI + (−DI)): der relative Abstand zwischen Käufern und Verkäufern, von 0 (perfektes Gleichgewicht) bis 100 (nur noch ein Lager im Rennen).
- Der ADX, schließlich. Der Wilder-Durchschnitt des DX über 14 Perioden — eine zweite Glättung. Sie sorgt für eine saubere Kurve … und sie erzeugt den Verzug.
Merk dir vor allem Schritt 6: Der ADX ist ein doppelt geglätteter Indikator. Wenn er die 25 durchbricht, läuft der Trend meist schon seit mehreren Kerzen. Das ist kein verstecktes Manko, das ist der Deal: Der ADX bestätigt, dass ein Trend existiert, er sagt ihn nicht voraus. Was die Einstellung betrifft, bleibt 14 die Referenz von Wilder: Auf 7 oder 10 heruntergehen macht ihn nervöser, aber auch unzuverlässiger; auf 20 hochgehen macht ihn sicherer, aber langsamer.
Den ADX lesen: erst die Niveaus, dann die Steigung
Die Ableseskala: unter 20 Range-Strategien, über 25 Trendfolge.
Die klassischen Schwellen — 20, 25, 40 — sind Orientierungswerte, keine Gesetze. Bei einem nervösen Asset oder einem kleinen Zeitrahmen gipfelt ein „starker“ ADX niedriger als bei einem Index im Tageschart. Nimm dir zwei Minuten, um die Historie deines Assets auf deinem Zeitrahmen anzusehen: Wo deckelt der ADX während echter Trends? Das ist dein Maßstab, nicht der aus dem Lehrbuch.
Und vor allem: Lies die Steigung, bevor du das Niveau liest.
- ADX steigend = der Trend verstärkt sich. Bei 22 und steigend etabliert er sich; bei 35 und steigend beschleunigt er.
- ADX fallend seit einem Hoch = dem Trend geht die Puste aus … was meistens eine Konsolidierung ankündigt, keine Umkehr. Der Kurs kann nach der Pause sehr wohl in dieselbe Richtung weiterlaufen.
- ADX seit Langem unter 20 gedeckelt = die Feder spannt sich. Große Trends entstehen oft aus einem ADX, der wochenlang am Boden verharrt ist — behalte den Ausbruch aus der Range im Blick.
Drei konkrete Anwendungen
1. Der Regimefilter — die profitabelste Anwendung. Bevor du nach einem Einstieg suchst, frag den ADX, in welcher Welt du dich befindest. Unter 20: Logik der Range — Tiefs der Zone kaufen, Hochs verkaufen und Ausbrüche meiden, die wieder in sich zusammenfallen. Über 25: Logik der Trendfolge — Pullbacks in Bewegungsrichtung, wie beim Swing Trading. Die meisten Systeme sterben nicht an schlechten Signalen: Sie sterben daran, das richtige Signal im falschen Regime anzuwenden. (Um „Trend oder Range“ zu unterscheiden, hat der ADX übrigens einen Cousin, der genau dafür gebaut wurde, den Chop Index — beide überschneiden sich gut.)
2. Die DMI-Kreuzung, gefiltert durch den ADX. Das Lehrbuchsignal: +DI kreuzt −DI nach oben (Kauf) oder umgekehrt (Verkauf). Ungefiltert häckselt dieses Signal dein Konto in der Range — die DI-Linien kreuzen sich ständig neu. Der Filter ändert alles: Die Kreuzung zählt nur, wenn der ADX über 25 liegt und steigt. Stop unter dem letzten Tief (bzw. über dem letzten Hoch), und ein fallender ADX dient als Ausstiegswarnung.
Die Kreuzung von +DI/−DI zählt nur gefiltert: ADX über 25 und steigend, sonst wird das Signal ausgelassen.
3. Der „Holy Grail“ von Linda Raschke. Veröffentlicht in Street Smarts (1995) — demselben Kultbuch von Connors und Raschke, aus dem wir bereits die Turtle Soup seziert haben. Das Rezept: Ein ADX über 30 und steigend bestätigt einen starken Trend; man wartet dann auf einen Pullback des Kurses zur EMA 20 und steigt beim Wiederaufnehmen der Bewegung ein, Stop unter dem Tief des Pullbacks. Die Idee ist einleuchtend: In einem echten Trend ist der erste Pullback ein Geschenk, und genau dafür dient der ADX — echte Trends von falschen zu trennen.
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Was wir bei Captain Trading wirklich damit machen
Unsere vollständige Trading-Strategie nutzt den ADX an zwei genau festgelegten Stellen — und nie allein:
Als Zusatzbestätigung der Auswahl. Sobald das Setup bestätigt ist (Position zur Bollinger-Mittellinie, Kreuzung EMA 9/12, MACD, RSI), öffnen wir ein letztes Mal die Haube: steigende Volumina und ein ADX über 25. Im Praxisbeispiel des Guides bestanden vier Kryptos die erste Auswahlrunde — nur PEPE (steigende Volumina, ADX > 25) und SOL blieben übrig; THETA und ORDI, mit flachem Volumen, fielen heraus. Wichtig dabei: Eine ausbleibende Bestätigung macht den Trade nicht automatisch ungültig — sie zwingt dich, das Setup zu überdenken und die Positionsgröße anzupassen.
Zur Kalibrierung des Trailing Stops. Der Abstand unseres Trailing Stops ergibt sich aus Verhältnis × ATR — und der ADX legt das Verhältnis fest: 3 × ATR, wenn der ADX über 25 liegt (starker Trend: wir lassen ihm Luft), 2,5 × ATR darunter (fragiler Trend: wir sichern enger ab). Ein Stärke-Indikator, der die Leine des Stops bemisst: genau die Art von unauffälliger Anwendung, die mehr einbringt als die Jagd nach dem perfekten Signal.
Die klassischen Fallen
- Eine Richtung aus dem ADX herauslesen. Die Falle Nr. 1, immer wieder: Der ADX steigt auch, wenn es abwärtsgeht. Die Richtung liest man am Kurs oder am Duell +DI/−DI ab, niemals am ADX allein.
- Den Verzug vergessen. Doppelt geglättet, bestätigt der ADX einen bereits laufenden Trend. Ihn als alleinigen Einstiegsauslöser zu nutzen heißt, systematisch nach dem Start anzukommen.
- Verkaufen, weil der ADX fällt. Ein ADX, der von 40 zurückkommt, kündigt eine Pause an, nicht zwangsläufig eine Umkehr. Alles zu verkaufen, weil der Zeiger schwächer wird, bedeutet oft, einen Trend aufzugeben, der nur kurz verschnauft.
- Jede DMI-Kreuzung traden. Ohne ADX-Filter sind Kreuzungen in der Range ein Gebührenhäcksler. Keine Stärke, kein Trade.
- 25 für eine universelle Konstante halten. Die richtige Schwelle hängt vom Asset und vom Zeitrahmen ab — eiche sie an der Historie dessen, was du tradest.
- Einsteigen, weil der ADX „sehr stark“ ist. Jenseits von 50 bist du nicht früh dran, sondern spät: ADX-Extreme begleiten oft das Ende einer Bewegung — den Höhepunkt, nicht den Start.
Häufig gestellte Fragen zum ADX
Was ist die beste Einstellung für den ADX?
Die 14 Perioden von Wilder bleiben die Referenz, und genau die verwenden auch wir. Eine kürzere Einstellung (7-10) reagiert schneller, vervielfacht aber die falschen Stärkesignale; eine längere (20+) bestätigt nur noch offensichtliche Trends. Passe lieber die Interpretationsschwelle an dein Asset an als die Periode.
Zeigt der ADX die Richtung des Marktes an?
Nein, niemals. Er misst die Stärke der Bewegung, in die eine wie in die andere Richtung: Ein ordentlicher Crash lässt den ADX genauso steigen wie eine Rallye. Die Richtung liest man am Kurs ab, oder an der relativen Position von +DI und −DI. Das ist die verbreitetste — und teuerste — Verwechslung.
Was ist der Unterschied zwischen ADX und DMI?
Der DMI (Directional Movement Index) ist Wilders komplettes System: +DI, −DI und ADX. Der ADX ist die dritte Linie des Systems — die geglättete Synthese des Abstands zwischen den beiden DI. Auf den meisten Plattformen zeigt das Hinzufügen von „ADX“ in Wirklichkeit den gesamten DMI an.
ADX bei 20 oder bei 25: Ab welcher Schwelle spricht man von einem Trend?
Beide lassen sich vertreten, und schon Wilder selbst arbeitete mit dieser Zone. In der Praxis: unter 20 kein Trend; zwischen 20 und 25 eine Grauzone, in der man abwartet; über 25 ein handelbarer Trend — das ist die Schwelle, die wir in unserer Auswahl verwenden. Entscheidend ist, eine Schwelle zu wählen und sie an der Historie deines Assets zu prüfen, nicht über die perfekte Zahl zu streiten.
Warum steigt der ADX, obwohl der Kurs fällt?
Weil er genau seine Aufgabe erfüllt: Der Rückgang ist ein Trend, und er ist stark. Der ADX quantifiziert die Überzeugung der Bewegung, nicht ihre Richtung. Willst du eine gerichtete Kennzahl, schau dir −DI über +DI an, während der ADX steigt: Das ist die Signatur eines kerngesunden Abwärtstrends.
Funktioniert der ADX bei Krypto?
Ja — genau auf Kryptowährungen wendet unsere Strategie ihn sogar an, als Zusatzbestätigung neben den Volumina. Zwei Vorsichtsmaßnahmen: Ein 24/7 geöffneter Markt „atmet“ nicht wie ein Markt mit festen Handelssitzungen, also eiche deine Schwellen an der Historie jedes Paares; und bei kleinen Zeitrahmen macht das Rauschen die Steigung des ADX unzuverlässig — bleib für die Ablesung des Regimes bei M15 und darüber.
Fazit: Wie es weitergeht
Der ADX wird dir nie sagen, wohin der Markt geht — er sagt dir, ob der Markt überhaupt irgendwohin geht, und mit welcher Überzeugung. Das ist die erste Frage, die du vor jedem Einstieg stellen solltest, und deshalb überdauert er die Jahrzehnte: Als Regimefilter macht er fast jede Strategie, die man auf ihn aufsetzt, besser.
Der logische nächste Schritt: Sieh ihn in unserer vollständigen Strategie in Aktion (Auswahl und Trailing Stop), binde ihn mit schriftlich festgehaltenen Regeln in dein Trading-System ein und überprüfe in deinem Trading-Tagebuch, was der Filter wirklich an deinen Ergebnissen ändert. Und falls dich Wilders Indikatoren interessieren: Sein RSI und sein ATR haben jeweils ihren eigenen Guide — das Trio ergänzt sich hervorragend.
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